Donnerstag, 11. August 2016

Das neue Konzept Familienarbeitszeit

Im Juli 2016 wurde durch die Ministerin Schwesig ein neues Konzept zur Familienarbeitszeit vorgelegt. Ziel ist der finanzielle Anreiz für berufstätige Eltern, weiterhin in vollzeitnaher Teilzeit zu arbeiten und gleichzeitig die Familienpflichten zu teilen. Ein Anreiz, der sicher weiter gehen könnte, aber ein guter Ansatz ist.

Voraussetzung für das Familiengeld in Höhe von 300 € ist, dass beide Eltern 80 bis 90 % arbeiten und jüngere Kinder (bis acht Jahre) haben. Zugrunde liegt die Erwägung, dass die Familienpflichten zwischen den Partnern gleichmäßiger aufgeteilt werden sollen - um letztendlich auch die Frauenerwerbsquote wenn vielleicht nicht unbedingt zu erhöhen, so doch zu stabilisieren - und zwar oberhalb eines Geringverdienereinkommens.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Bestrebungen, vor allem zahlungsäumige Väter mit Entzug des Führerscheins zu sanktionieren (eine gute Zusammenfassung dazu hat Christian Schmidt geschrieben) ist es beruhigend, dass man im Zusammenhang mit dem Familiengeld auf positive Bestärkung legt: Bei getrennt lebenden Partnern wird dann das Familiengeld geteilt.

Kinder sind teuer, ein finanzieler Anreiz ist daher nie verkehrt. Die Entwicklung hin zur Aufteilung der Familienpflichten und der beruflichen Pflichten ist absolut der richtige Schritt. Eine Begrenzung für kleinere Kinder ausgerechnet bis acht Jahren erscheint willkürlich und der Grund erschließt sich nicht. Weder ist die Grundschule abgeschlossen noch könnte man in dem Alter von einer erstarkten Selbständigkeit sprechen. Auch danach - und ich möchte explizit das Teenageralter einschileßen - ist die zeitliche Aufmerksamkeit der Eltern notwendig, während das Familieneinkommen für Handyverträge, Fashionexperimente und Gamescom-Karten absolut nicht weniger werden darf. Also bleibt die selbst zusammengereimte Erklärung, dass es irgendwie auch gegenfinanziert werden muss und das große Paket noch nicht drin (oder noch nicht gewollt) ist. Nichts, was man bei Erfolg nicht ändern könnte.

Die 300 € sind gerade für Familien mit geringem Einkommen sehr hilfreich. Man kann natürlich bemängeln, dass Besserverdiendende etwas bekommen, was sie nicht brauchen. Die durch die Bürokratie generierten Kosten, um das zu differenzieren, stehen m.E. aber nicht im Verhältnis zu eine rmöglichen Ersparnis. Die Beispielsberechnungen zeigen neben der Tatsache, dass das Familiengeld finanzielle Nachteile abmildert aber doch noch einmal ganz konkret, wie viel schlechter man als Familie gegenüber kinderlosen Paaren dasteht. Meines Erachtens ein Umstand, der vor dem Hintergrund des großen Achselzuckens bezüglich der Finanzierung von Renten und Pflege ab Generation Babyboomer auch gern endlich einmal in Angriff genommen werden könnte.

Entscheidend für das Gelingen des Modells ist allerdings, wie sehr auch Arbeitgeber bereit sind, vollzeitnahe Teilzeit ihrer Mitarbeterinnen und Mitarbeiter zuzulassen.  Dabei geht es gerade nicht darum, bei gleicher Arbeit weniger zu bezahlen und Überstundenkonten zu befüllen, sondern ein gewisses Maß an Flexibilität zuzulassen. Es muss möglich sein, den Anforderungen der Familie in der frei gewordenen Zeit nachkommen zu können - vielleicht sogar mal mitten am Tag. Dies ist ein schwieriges Thema. Viele Betriebe stellen sich der Herausforderung. Gerade auch die Digitalisierung bietet z.B. mit der Flexibilisierung des Arbeitsortes gutes Möglichkeiten, das Ziel der Vereinbarkeit voran zu bringen. Ohne eine Anpassung der Vorgaben und Pflichten der Arbeitsgesetzte, die in diesem Zusammenhang auch mal mehr Korsett als Schutz sein können, wird es keine gravierenden Veränderungen geben können. Hier ist Unterstützung und ein Voranbringen der Diskussion gefragt.

Ein Anfang ist auch mit diesem Konzept gemacht. Bleibt abzuwarten, wie es wirkt und ob der Arbeitsmarkt es trägt.


Mittwoch, 10. August 2016

Bereuende Eltern: Befreiung oder Egoismus?

Kinder sind nicht unbedingt gewollt. Der Lärm stört Leute, also sucht man sich "ruhige" Wohngegenden, Häuser, in denen nicht Familien direkte Nachbarn sind (oder noch schlimmer: über einem wohnen). Man macht Urlaub in Hotels, in denen Kinder nicht erlaubt sind. All dies ist in den letzten Jahren schleichend salonfähig geworden, kaum einer regt sich darüber noch auf.

Jetzt hat die öffentliche Diskussion eine neue Stufe erklommen: Den Anfang machte die "Regretting Motherhood"-Bewegung - nun las ich über eine Studie in Deutschland,  deren Inhalt die Frage ist, ob Eltern ihre Elternschaft bereuen. Ergebnis: 20 % der Befragten gaben an, die Elternschaft zu bereuen - etwa die Hälfte davon waren ungewollt Eltern geworden. ABER 95 % aller Befragten würden ihre Kinder lieben. 

Meine erste Reaktion war Ungläubigkeit, inzwischen empfinde ich tiefes Unverständnis - und das ist noch eines der positiveren Gefühle.

Nachdem so viel über Reue geredet wird - was genau bedeutet das eigentlich? Wikipedia sagt folgendes dazu:

"Reue ist das Gefühl – in besonderen Fällen ein Affekt – der Unzufriedenheit, der Abscheu, des Schmerzes und Bedauerns über das eigene fehlerhafte Tun und Lassen, verbunden mit dem Bewusstsein (oder der Empfindung) von dessen Unwert und Unrecht sowie mit dem Willensvorsatz zur eventuellen Genugtuung und Besserung."

Das ist es also, was die 20 % empfinden, wenn sie an die Geburt und das "Da-Sein" ihrer Kinder denken. Im besten Fall Bedauern darüber, im Schlimmsten Abscheu und Schmerz. Bezogen auf ein "fehlerhaftes Tun und Lassen" - also das Kind bekommen zu haben oder es nicht gleich von vornherein verhindert bzw. nicht abgetrieben zu haben. 

Gleichzeitig wird als positives Fazit der Studie hervorgehoben, dass 95 % der Befragten aber ihre Kinder lieben. Mal die Tatsache, dass ich 5 % Nicht-liebender-Eltern immer noch sehr viel finde und mir die Kinder wahnsinnig leid tun - was soll das heißen??? 

Da ich verwirrt bin, nehme ich auch hier mal Wikipedia zur Hilfe:

"Liebe ist im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist. Das Gefühl der Liebe kann unabhängig davon entstehen, ob es erwidert wird oder nicht."

"Liebes Kind, ich habe dich gewollt, mich auf dich gefreut - letztendlich war das nicht die Klügste aller Entscheidungen. No offense - zwar bedaure ich, dich bekommen zu haben und würde in derselben Situation verhüten bzw. dich abtreiben, hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß und obwohl ich jetzt schon dein Leben lang mit dir verbracht habe. ABER ich bringe dir die stärkste Zuneigung und Wertschätzung entgegen, zu der ich in der Lage bin." So könnte ein Geständnis an ein Kind solcher bereuenden Eltern aussehen.

Leider bin ich nicht in der Lage, dieses Konstrukt zu verstehen. Wie kann man jemanden lieben und gleichzeitig wünschen, diese Person gäbe es nicht? Ich halte das für unmöglich. 

Dabei möchte ich klarstellen, dass es mir nich um die Verteidigung der per se vorhandenen, übergroßen und unbegrenzten Elternliebe geht - mir ist vollkommen klar, dass es diese nicht gibt, so wünschenswert diese auch sei. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die aus ihrer Situation heraus aus bestimmten Gründen mit ihrer Elternschaft hadern, sich überfordert fühlen und gar allein gelassen fühlen. Und jedem dieser Menschen sollte geholfen werden. 

Was mich in Aufruhr bringt ist die Art und Weise der Diskussion sowie der Raum, der dieser eingeräumt wird. Kinder kommen nicht aufgrund ihrer eigenen Entscheidung auf die Welt, das sind wir Eltern, die das entscheiden und umsetzen müssen. Unsere Aufgabe ist es, diese Kinder so gut wie möglich großzuziehen, ihnen das Beste mitzugeben, was wir können. Sie verdienen unsere bedingungslose Liebe und Unterstützung. Die größtmögliche Zuneigung und Wertschätzung, zu der wir in der Lage sind - denn sie können sich nicht einfach andere Eltern aussuchen. Sie haben ein Recht auf Begleitung und Anleitung für eigenständiges Leben - denn meistens nach nur 20 Jahren verlassen Sie uns schon wieder.  - bei der heutigen Lebenserwartung gerade mal 1/4 unseres Lebens. Und ob sie uns lieben und respektieren als Eltern hängt entscheidend davon ab, was wir Ihnen beigebracht haben und was wir ihnen vorgelebt haben. 

Stell dir vor, deine Eltern sagen dir einen Satz, wie ich ihn oben einmal exemplarisch aufgeschrieben habe. Wie fühlst du dich dabei? Hilft dir diese Ehrlichkeit irgendwie weiter in deinem Leben? Macht es dich stark? Bist du klüger? Verbessert sich dein Verhältnis zu deinen Eltern, nachdem sie dir das gesagt haben?

Ich glaube nicht. Ich glaube, wer immer diese Diskussion nach außen trägt und seine Kinder damit konfrontiert - denn nichts anderes tut man damit, wenn man sich dazu bekennt - liebt eben nicht seine Kinder am meisten, sondern sich selbst. Sich über seine Gefühle klar zu werden und mit negativen Einflüssen oder Entscheidungen umzugehen, nennt man schlicht Leben. Und jeder soll sich die Hilfe dabei hole, die er braucht. Würde mir ein Freund oder eine Freundin von solchen Gefühlen berichten, würde ich ihnen dringend raten, ich damit auseinanderzusetzen und sich professionelle Hilfe dafür zu holen - um ihrer selbst und der Kinder Willen. Aber ein bloßes öffentlich machen hilft niemandem.
Was soll also diese öffentliche Debatte darum, ob jemand seine Elternschaft bereut? Sie soll Verständnis generieren und damit dafür sorgen, dass sich diejenigen, die so empfinden, nicht so allein, so anders fühlen. Sie machen die Diskussion also öffentlich, damit sie sich besser fühlen.  Dabei gibt es nur einen kleinen Kreis, der diese Gefühle verzeihnen und verstehen kann und muss: die betroffenen Kinder.  Ansonsten führt die öffentliche Diskussion nur dazu, dass ich eine Menge Kinder schlecht fühlen, vielleicht ein paar Eltern besser. 

Kann es das sein? Ich glaube nicht, dass Elterschaft unbedingt beinhaltet, mit dieser Rolle im Reinen zu sein - und sei es auf Kosten der Kinder selbst. Daher verärgert mich diese öffentliche Diskussion maßlos. Und schlimmer finde ich, dass ihr Raum gewährt wird. Und nicht wenige werden aufspringen und Gefühle an sich entdecken, die einer Reue gleich kommen. Und weil man das jetzt so macht, ist man uneingeschränkt ehrlich - auch zu seinen Kindern. Dann geht es einem ja besser und nur ausgeglichene Eltern können gute Eltern sein. Aha.

Es ist politisch total unkorrekt, aber trotzdem rufe ich allen zu, die ihre Elternschaft öffentlich bereuen, zu: Reißt euch gefälligst mal zusammen! Ihr habt jetzt Verantwortung übernommen. Wenn Sie Euch zu viel wird, holt euch Hilfe. Ansonsten nehmt die Situation und die Rolle als Mutter/Vater an und haltet euch an die positiven Seiten. Ihr habt ein Geschenk bekommen. Euer Jammern ist ein Schlag ins Gesicht der Kinder und all jener, die gern Kinder hätten aber es nicht können und derjenigen, die hinter euch aufräumen müssen, weil eure Kinder euer Bedauern nicht verwinden und Schaden nehmen!

Hat man endlich in der Gesellschaft akzeptiert, dass auch noch so ein kleiner "Klaps auf den Hintern" Gewalt gegen die Kinder und damit falsch ist, dass es Schaden an der Kinderseele anrichtet - so scheint nun eine Akzeptanz bezüglich psychischer Grausamkeit zu entstehen, unterstützt man diese Art der Diskussion um die Eltern, an der die Kinder einfach nicht vorbei kommen.

Meine Eltern haben erzählt, dass es nicht immer leicht war,  uns Kinder zu haben. Und wie es vielleicht einfacher gegangen wäre mit Kindergartenplätzen und Anerkennung der Gesellschaft. Und man manchmal einfach auch überlastet ist. Aber sie haben nie einen Zweifel darüber aufkommen lassen, wie sehr sie jeden meiner Geschwister und mich gewollt und geliebt haben. Wie dankbar sie für das Leben mit uns waren und nun dafür, dass wir immer noch ein Teil von ihnen sind und wir füreinander da sind. Dieses Urvertrauen zu zerstören, weil die Reue über die Geburt geäußert wird, ist grausam. Ich vermute, dass es meine Identität infrage stellen würde, müsste ich so etwas erfahren.  Meine Mutter hat immer zu mir gesagt:"Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht." Elternschaft zu bereuen und es öffentlich zu diskutieren gehört für mich dazu. 

Dienstag, 11. November 2014

Ergebnisse der Blogparade "Familienfreundlicher Arbeitgeber" als E-Book zusammengefasst

Alex Kahl hatte als freier Mitarbeiter von comspace in Bielefeld eine Blogparade zur Frage "Was macht einen familienfreundlichen Arbeitgeber aus" gestartet. Jetzt hat er die Ergebnisse zusammengefasst und in einer PDF-Version zur Verfügung gestellt.

Nicht zuletzt durch die "egg-freezing" Meldungen ist das Thema Familienfreundlichkeit sowohl in aller Munde als auch in den Medien omnipräsent. Man könnte meinen, dass es dazu eigentlich nicht  mehr viel dazu zu sagen gäbe - wird doch so viel darüber gesprochen, geschrieben, erforscht.

Zum einen hat die Blogparade gezeigt, dass es aber trotzdem noch viel Potential zu geben scheint. Die auf 65 Seiten sehr gut zu lesenden Kombination aus verschiedenen Sichtweisen mit vielfältigen Schwerpunkten und sind mit den persönlichen Erfahrungen sehr authentisch. Besonders beeindruckt haben mich aber auch die vielen Vorschläge und die damit einhergehende positive Haltung, sich selbst auch für Veränderungen verantwortlich zu fühlen.

Sehr lesens- und empfehlenswert!



Mittwoch, 15. Oktober 2014

Eingefrorene Eier in Silicon Valley: Warum (nicht)?

Unglaubliche Bewegung im Thema Familienfreundliche Unternehmen: Die Nachricht, Apple und Facebook würden (bzw. werden) ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen, hat die Nachrichtendienste heiß und die Gemüter hochlaufen lassen. Im Kern spaltet die Welt die Frage, ob es sich um moralisch verwerfliche Maßnahmen handelt, die eher das Gegenteil von Familienfreundlichkeit bewirken oder handelt es sich um einen beispielhaften Vorstoß zweier amerikanischer Unternehmen? Wie auch immer: Das Thema ist so spannend wie seit Jahren nicht mehr.

Bei dem Thema Familienfreundlichkeit in Unternehmen geht es hierzulande eher beschaulich zu.
Und nun kommen zwei Unternehmen aus den USA, die Unglaubliches tun bzw. zu tun planen: Es soll den Mitarbeiterinnen bzw. den Frauen der Mitarbeiter das Einfrieren der Eizellen bezahlt werden. Während wir in Deutschland über steuerfreie Kinderbetreuungszuschüsse und Eltern-Kind-Zimmer diskutieren, redet man in den USA über eine tiefgreifende - finanzielle - Beteiligung des Arbeitgebers bei der Familiengründung.

Kinderlosigkeit - auch ein deutsches Problem?
Natürlich hat sich die Presse gleich die schönste Maßnahme herausgesucht, die am meisten Aufregung verspricht. In vielen Artikeln wird gleich darauf hingewiesen: Die Diskussion zu solchen Maßnahmen hat in den USA eine andere Historie und ist mir deutschen Diskussionen nicht vergleichbar. Die Grundproblematik ist aber die gleiche: Immer mehr Frauen bekommen später oder auch nie Kinder.

Destatis hat für 2012 dazu in dem Bericht "Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland" für 2012 einige Zahlen aufbereitet. Wichtig finde ich die Erwähung, dass überhaupt erst 2008 bei der  Mikrozensus-Befragung ausführliche Daten zur Kinderlosigkeit  in Deutschland gewonnen werden konnten.

Für 2012 lag die Kinderlosenquote (auch ein neuer Begriff) in Deutschland bei 22 % und damit beinahe doppelt so hoch wie 1990. Bei Akademikerinnen lag die Quote sogar bei 28 %. Erwartet wird, dass die Quote weiter ansteigt.  Darüber hinaus hat Allensbach in einer Umfrage 2007 ermittelt, dass 36 % der 25 bis 59 Jährigen einen unerfüllten Kinderwunsch haben (der Kinderwunsch bezieht sich sowohl auf erste als auch auf weitere Kinder). 8 % in der gleichen Altergruppe haben sich bewusst gegen ein Kind entschieden.

Reproduktionsmedizin und Arbeitgeber
Ohne dass es eine Neuigkeit wäre, sollte aber darauf hingewiesen werden: Auch in Deutschland ist Kinderlosigkeit ein großes Thema. Und klar ist auch: Die Lebensumstände spielen bei der Frage, ob und wann man Kinder möchte eine sehr große Rolle. Lang andauernde Ausbildungen, Reihenweise Praktika, bis man einen ersten Job bekommt, in dem man sich beweisen will. In der "Rush-hour des Lebens" schiebt man eben das erst einmal auf, was gerade nicht existienziell ist: Das Kinderkriegen. Unerfüllte Kinderwünsche stellen Familien oft vor große psychische und finanzielle Belastungen. Nicht selten scheitert der Wunsch nach Kindern gerade an den Finanzen, denn z.B. künstliche Befruchtungen werden i.d.R. nur für drei Versuche zu 50 % von Krankenkassen übernommen und kosten ab ca. 2.000 €.

Auch vor diesem Hintergrund sind die Maßnhamen zu sehen, über die diskutiert wird. Und vor allem: Es geht um noch viel mehr. Bezahlte Elternzeit, ein Elterngeld und weitere Unterstützungsleistungen, die der ganzen Familie zugute kommen.

Das alles tun die beiden Firmen nicht einfach nur so. Sie haben sich damit befasst, was ihre Mitarbeiter wünschen und brauchen und gleichzeitig sicherstellt, dass diese an ihren Arbeitgeber gebunden werden. Weil man dort nicht nur gute Arbeitsergebnisse erwartet, sondern auch auf ihre Bedürfnisse eingeht. Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, wie sehr es seinen Mitarbeitern entgegenkommen will - und in welcher Weise. Bei einigen muss ein wenig Flexibilisierung der Arbeitszeit reichen und ansonsten soll bitte Privates auch privat bleiben. Andere hingegen nehmen ihre Mitarbeiter als "Gesamtpaket" und verstehen: Sie sind Menschen in verschiedenen Lebensphasen mit guten und schlechten Phasen, Höhen und Tiefen in ihrem Leben -und ihrer Leistungsfähigkeit. Und damit sie ihr Bestes geben können, versucht man, in den schlechten Phasen und Tiefen zu unterstüzten.

Dies geht bei einigen Unternehmen auch so weit, dass man Schuldnerberatungen, psychische Unterstützung oder auch weitergehende medizinische Unterstützung gewährt. Die konkreten Maßnahmen kenne ich bisher zwar nur in eher konservativen Zusammenhängen, also z.B. der Rehabilitation nach Erkrankungen. Aber den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Sollten nun Arbeitgeber ihren Mitarbeitern das Einfrieren von Eiern bezahlen? Ich finde, das muss jeder Arbeitgeber selbst entscheiden. Auch, ob man das als Arbeitnehmer überhaupt in Anspruch nehmen wollte. Aber die Vorstellung, dass es Arbeitgeber gibt, die sich solch tiefgreifender persönlichen Probleme annehmen und den Arbeitnehmer ermutigen, damit zu ihnen zu kommen, finde ich übertragbar.


Dienstag, 8. Juli 2014

Familienfreundlichkeit in Unternehmen durch viele Maßnahmen?

Der Demografische Wandel und der - zum Teil - daraus resultierende Fachkräftemangel sind nach wie vor aktuelle Themen, die einerseits durch alle Medien geistern und andererseits vor allem natürlich auch Unternehmen umtreiben. Gerade familienfreundliche Arbeitsbedingungen haben sich als gute Möglichkeit entwickelt, in dem Konkurrenzkampf um die besten Mitarbeiter zu punkten. Dabei ist es aber nicht die Menge der familienfreundlichen Maßnahmen, die den guten Arbeitgeber ausmacht, sonder eher eine Kultur des Gebens und Nehmens auf beiden Seiten.

Bislang habe ich das Blog-Schreiben weder besonders häufig noch intensiv betrieben. Jetzt wurde ich die tolle Idee einer Blogparade zu dem Thema "Familienfreundliche Arbeitgeber", initiiert von Alex Kahl aufmerksam. Angestoßen wurde die Blogparade durch Erfahrungen und offene Fragen bei .comspace in Bielefeld.

Familienfreundliche Arbeitsbedingungen beschäftigen mich schon einige Jahre - sowohl privat als auch beruflich. Also nehme ich doch diese Gelegenheit sehr gern wahr, meine Sicht auf das Thema darzustellen und einige der aufgeworfenen Fragen - hoffentlich - zu beantworten.


Familienfreundlichkeit - ein relativ neues Thema für Unternehmen
Die Frage der Familienfreundlichkeit - also wie man sich gleichzeitig um seine Kinder kümmern und berufstätig sein kann - ist eigentlich schon immer ein Thema gewesen. Aber erst seit ca. 15 Jahren nimmt es immer mehr an Fahrt auf. Woran liegt das? Die Folgen des demographischen Wandels - vor allem also die stetig sinkende Zahl an Arbeitnehmern - ist schon lange bekannt, scheint aber erst seit dieser Zeit langsam ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Der z.T. daraus resultierende Fachkräftemangel wird nun akut - auch in kleinen Betrieben auf dem Land gelangt man langsam zu der Erkenntnis, dass man zur Besetzung einer Arbeitsstelle nicht mehr ausschreibt, über 100 bester, infrage kommender Bewerbungen erhält und nur noch auszuwählen braucht. Im Gegenteil. Also fängt man als vorausschauender Arbeitgeber an, alle im Betrieb zu halten, die bereits da sind. Personalwechsel sind bekanntlich sehr teuer, es muss immer von ca. einem halben Jahr Einarbeitungszeit ausgegangen werden - und alles vorhandene Wissen ist häufig unwiderbringlich verloren.

Also fing man an zu entdecken, dass viele Frauen aufgrund ihrer Familienpflichten eben nicht arbeiten - und "ungenutztes Potential" zu Hause sitzt und Windeln wechselt. Folglich stellte sich die Lösung so dar, dass man die Arbeitsbedingungen nur ein wenig daran anzupassen braucht und schon hat man die fehlenden Arbeitskräfte.

Dies stellt die Hintergründe natürlich sowohl verkürzt als auch übertrieben dar. Gleichwohl ist dies der Kern, warum dieses Thema überhaupt zu einem geworden ist. Dementsprechend begannen zum Beispiels auch mit den Betriebskitas oder Arbeitszeitkampagnen Förderprogramme zu sprießen, Öffnungszeiten wurden diskutiert, das Recht auf Betreuungsplätze eingeführt - und nicht eingelöst -, Eltern-Kind-Zimmer und Notfallbetreuung angeboten.

Was ist mit Familienfreundlichkeit gemeint?
Wenn man über Familienfreundlichkeit redet, kommen einem die Aspekte Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten zuerst in den Sinn. Allein die Betrachtung der Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf ist zu kurz gesprungen. Vielmehr muss es um mitarbeiterorientierte Arbeitsbedingungen insgesamt gehen, die es den Mitarbeitern ermöglichen, ALLE ihre persönlichen Verpflichtungen mit den betrieblichen in Einklang zu bringen. Dazu gehört vor allem auch die Pflege von Angehörigen - es ist noch nicht einmal ansatzweise klar, wie sehr dieses Thema den Arbeitsmarkt beeinflussen wird, wenn die Babyboomer ist das Alter kommen, in dem sie gepflegt werden müssen. Die Pflegeproblematik ist immer noch ein sehr schwieriges Feld: Die Anforderungen sind vielfältig und gehen von gelegentlichen Unterstützungen (z.B. Einkäufe, Arztbesuche, den Rasen mähen) bis hin zu zu richtiger Krankenpflege. Außerdem kann sich Pflege über viele Jahre hinziehen - keiner kann sagen, wie lange die Zeit dauert und welches Ausmaß diese einnimmt. Und anders als bei der Kinderbetreuung hat ein Arbeitgeber deutlich weniger Unterstützungsmöglichkeiten. Gleichzeitig können die Auswirkungen von längerer Pflegetätigkeit sehr gravierend sein - bis hin zur Arbeitsunfähigkeit des Pflegenden.

Diese - aber auch für weniger gravierende Fälle - in einem Fall gab es sogar "Erziehungsurlaub" für einen frisch in die Familie gekommenen Welpen - sollte es den Versuch der Vereinbarung geben.

Erfolgsfaktoren aus meiner Sicht
Aber es ist eben nicht mit ein paar Maßnahmen getan. Vielmehr sehe ich folgende Erfolgsfaktoren:

1. Es muss eine mitarbeiterorientierte Führungs- und Unternehmenskultur geben.

Um es gleich klarzustellen: Mitarbeiterorientierung und insbesondere Familienfreundlichkeit ist kein Selbstzweck. Ein Betrieb hat ein Unternehmensziel und möchte erfolgreich arbeiten. Dies kann es aber nur, wenn seine Mitarbeiter besonders motiviert und leistungsfähig sind. Je eher Mitarbeiter in der Lage sind, die privaten und beruflichen Verpflichtungen vereinbaren zu können, desto eher sind sie in der Lage, in beiden Bereichen ihr Bestes zu geben: also gute Eltern (Pflegende) und Mitarbeiter zu sein. Dies kann aber nur in einer Kultur des gegenseitigen Gebens und Nehmens entstehen. Und hier ist insbesondere die Führung gefragt. Gemeint ist damit natürlich die oberste Spitze, die eine solche Kultur mitträgt.

Aber noch wichtiger sind die mittleren Führungsebenen, die Teams koordinieren und die direkten Absprachen treffen. Sie müssen offen sein dafür, mit ihren Mitarbeitern Lösungen zu finden, wenn die Vereinbarung der Bereiche nicht funktioniert. Dafür muss der Mitarbeiter aber auch wissen, dass seine Leitung offen für das Thema ist. Und dies geht am besten, wenn man Vorbild ist und aus Überzeugung ein gutes Arbeitsklima mit vertrauensvoller Zusammenarbeit schaffen möchte. Grundlage sollten die Rahmenbedingungen sein, die der Betrieb vorgibt: In einem Krankenhaus über Schichten zu diskutieren ist genauso überflüssig wie in einer Fleischerei über Homeoffice. Aber man sollte immer alle Möglichkeiten im Blick behalten und lösungsorientiert und vertrauensvoll agieren.

2. Eine offene und gegenseitige Kommunikation ist essentiell.

Ich habe eigentlich noch keinen Betrieb erlebt, der in diesem Bereich nicht noch etwas tun könnte. Viele Unternehmen haben beeindruckende Listen an Maßnahmen. Fragt man nach, kennen die Mitarbeiter diese oftmals kaum. Allerdings wissen auch die Verantwortlichen nicht wirklich, was ihre Mitarbeiter eigentlich brauchen. Dazu passt das eingangs genannte Beispiel zu den ergebnislosen Umfragen. Fragt man nach Betreuung für Kinder unter 3 Jahren, haben die betroffenen Eltern die Frage in dem Moment ja schon gelöst - sonst könnten sie nicht arbeiten. Also kommt meistens nicht so viel dabei heraus - außer eine große Erwartungshaltung, dass nun etwas passiert. Da die Resonanz aber so gering ist, passiert - eben nichts. Bzw. nicht das Erwartete, denn nach den Maßnahmen, die man bräuchte, wurde nicht gefragt. Also hat man es auch nicht gesagt. Miteinander regelmäßig sprechen - sowohl geplant in Mitarbeitergesprächen also auch mal der kleine Plausch in der Teeküche - können eine unendlich erhellende Wirkung haben und viel Frust und Geld sparen. Bedarfsgerecht Lösungen zu entwickeln - klingt sehr einfach und ist es dann meistens doch nicht.

3. Reichweite vor Aufwand - Beispiel Eltern-Kind-Zimmer

Aus meiner Sicht muss nicht jede aufwändige Maßnahme auch gleich gut sein - vor allem, wenn sie nur wenige Leute erreicht. Hier möchte ich auf meine Beispiele Eltern-Kind-Zimmer und Notfallbetreuung zurück kommen: Eltern-Kind-Zimmer können helfen, tun es aber meistens nicht wirklich. Sie sind teuer und werden kaum genutzt, machen sich aber super auf Fotos und in Broschüren. Sind die Kinder krank, kann man sie nicht mit in den Betrieb nehmen. Sind sie gesund, langweilen sie sich meistens schnell und setzt die Eltern unter Druck, denn sie können sich weder ihren Kindern noch der Arbeit wirklich widmen. Im Einzelfall kann ein Laptop die Lösung sein mit entsprechenden sicheren Zugängen, der dann mit nach Hause genommen werden kann. Da teilt man es sich dann selbst ein, wenn es etwas ruhiger ist. Oder man akzeptiert als Arbeitgeber einfach, dass man gerade im Falle von Krankheiten der Kinder nicht arbeiten kann. Meistens hilft die Erinnerung an die eigene Kindheit, um hier Verständnis aufzubringen. Notfallbetreuungen sollen da Abhilfe schaffen. Jeder, der kranke Kinder zu Hause hatte, weiß, dass außer Mama und Papa  - im besten Fall noch Oma und Opa - in diesen Fällen keine Option ist. Und man sollte nicht die Erwartungen haben, dass sich Kinder an die theoretische Wirksamkeit von Maßnahmen halten.

Wichtig ist außerdem, dass diese Maßnamen auch nicht nur kleinen Gruppen von Mitarbeitern offen stehen. Also finanzierte Betreuung für die Führungsebene, während der "gemeine" Mitarbeiter selbst helfen soll, sind ein "NO GO". Schneller kann man die Stimmung im Betrieb nicht kaputt machen. In diesem Sinne sollten auch diejenigen berücksichtigt werden, die keine so drängenden privaten Verpflichtungen haben. Auch sie haben ihr Privatleben und möchten, dass darauf Rücksicht genommen wird. Man kann nicht immer erwarten, dass ein Teil der Belegschaft immer nur Rücksicht nimmt.

4. Eigenverantwortung der Mitarbeiter

Last but not least ein Faktor, der m.E. mit der wichtigste ist: Die Mitarbeiter wissen selbst am besten, wo ihre Schwierigkeiten in der Vereinbarung ihrer verschiedenen Verpflichtungen liegen. Der Arbeitgeber kann sehr viel dafür tun, um die Mitarbeiter zu unterstützen. Aber er kann es viel besser und auch erfolgreicher, wenn der Betroffene sich ebenfalls überlegt, wie eine Lösung aussehen könnte. Sich einfach zurückzulehnen und darauf zu warten, dass der Arbeitgeber das regelt, ist in den seltensten Fällen eine gute Idee. Wenn man zu dem Chef geht und sein Problem schildert und sogleich Lösungsansätze präsentiert, wird eine ablehnende Haltung sehr schwierig. Das funktioniert natürlich am besten, wenn Faktoren 1 + 2 gelebte Kultur sind. Aber das ist ja leider nicht immer der Fall. Wer aber nach dem Motto agiert "seines Glückes Schmied" zu sein, wird jedenfalls keine Nachteile haben.

Familienfreundlichkeit braucht Menschen, keine Checklisten
Auch ich habe keine Checkliste, deren Abarbeitung Familienfreundlichkeit in einem Unternehmen sichert. Diese Aufzählung an Erfolgsfaktoren sieht vielleicht auf den ersten Blick sehr allgemein und wie aus dem "Wünsch-Dir-Was-Land" entsprungen aus. Tatsächlich tun aber Betriebe genau das, wenn sie erfolgreich familienfreundlich sind. Familienfreundlichkeit ist nicht die Summe vieler Maßnahmen. Es ist eine Haltung, eine Lebens- und Arbeitseinstellung. Und es gibt - zu meiner großen Freude - doch sehr viel mehr solcher Arbeitgeber als man denkt!

Montag, 12. Mai 2014

Ist Digitalisierung in Betrieben Führungsaufgabe?

Immer wieder wird die Wirtschaft darauf hingewiesen, vor welch großen Herausforderungen sie steht. Betriebe jeder Größenordnung müssen mit Megatrends wie Globalisierung, Demographischem Wandel und der Technisierung umgehen. Das Erkennen der mit diesen Trends einhergehenden Änderungs- bzw. Entwicklungsbedarfe und insbesondere deren Umsetzung ist für viele Betriebe neben dem Tagesschäft schwierig. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die entsprechend ihrer Größe keine Stabsabteilungen haben und diese Themen aufbereiten.
Ich habe mich gefragt, ob und wie Betriebe mit dem Thema Digitalisierung umgehen. Dass die Digitalisierung auch die Wirtschaft erreicht hat, wird doch von Politik und Spitzenverbänden immer erklärt.

Was aber genau heißt das für die Betriebe? In der Hauptsache beschäftige ich mich mit Arbeitsbedingungen in Betrieben. Die Digitalisierung hat bislang aber in diesem Zusammenhang immer nur eine marginale Rolle gespielt. Wie also ist der Status quo und was sollten Arbeitgeber tun?

Um zur ersten Frage einen ersten Eindruck zu bekommen, habe ich mich ein wenig umgesehen und bin vor allem auf zwei Studien gestoßen: Zum einen habe ich mir die Studie "Digitalisierung im Mittelstand" von Deloitte angesehen, die 2013 veröffentlicht worden ist. Darin wurden die Ergebnisse von Befragungen und Interviews mit 41 mittelständischen Betrieben zum Thema Digitalisierung zusammengefasst. In dieser wie ich finde sehr gut lesbaren Studie erhält man einen guten Eindruck davon, wo mittelständische Unternehmen stehen - wobei jedoch zu beachten ist, dass in diesem Zusammenhang die befragten mittelständischen Unternehmen um die 2.000 Mitarbeiter beschäftigen, während nach der EU-Defintion bereits ab 250 Mitarbeitern nicht mehr von Mittelstand gesprochen werden kann.

Zum anderen habe ich mir den "Monitoring-Report  Digitale Wirtschaft" des BMWI vom Dezember 2013 angesehen (diese gibt es in einer Kurzzusammenfassung sowie einer  Langversion auf der Seite des BMWI). Das Monitoring beschäftigt sich allerdings eher am Rande mit dem Grad der Digitalisierung deutscher Betriebe. Das Grußwort kommt von der Parlamentarischen Staatssekretärin des BMWI Brigitte Zypries, die auch im Rahmen der Re Publica 2014 letzte Woche im Rahmen einer Session insbesondere die Standpunkte des BMWI zum Thema Netzneutralität und TTIP erläutert hat.

Ist das Thema Digitalisierung in deutschen Betrieben angekommen?
Dies war die erste Frage, die ich mir gestellt habe. Dazu äußert sich das Monitoring des BMWI erfrischend offen: Vergleicht man die besten 15 Länder, wird von Deutschland lediglich Platz 8 (der als "schwach" bezeichnet wird) von Deutschland belegt. Dies bezieht sich auf die Nutzung der neuen Technologien In der Befragung von Deloitte zeigt sich ein ähnliches Bild. Zwar sei man sich der Wichtigkeit des Themas bewusst, jedoch müsse davon ausgegangen werden, dass nicht alle Funktionalitäten der neuen Techniken überhaupt  ausgeschöpft würden. M.E. könnte es daran liegen, dass man in den Betrieben nicht um alle Möglichkeiten weiß, die durch die neuen Technologien geboten werden. Man muss auch davon ausgehen, dass bei der Befragung zu einem bestimmten Thema die Aufmerksamkeit derart darauf gelenkt wird, dass man es als wichtiger einstuft, als es in dem betrieblichen Alltag praktiziert wird.

Insofern ist davon auszugehen, dass es noch deutlich "ungehobenes Potential" gibt.

Umgang mit dem Thema Digitalisierung in den Unternehmen
Wenn auch der Nutzungsgrad durch Betriebe höher und intensiver sein könnte, hat sich mir die Frage gestellt, wie denn die bereits "Aktiven" damit zumgehen.

Zu diesem Thema lässt sich vor allem Deloitte ausführlicher aus. Es wird festgestellt, dass oftmals Strategien fehlten, um das Thema nachhaltig im Unternehmen zu verankern. Dazu wird dann gleich festgestellt, Digitalisierung müsse strategisch angegangen werden und dürfe auch nicht bottom up oder durch IT-Abteilungen aufgebracht und bearbeitet werden, es müssten die Führungsebenen das Thema vorantreiben.

Wieviel Strategie ist möglich?
Leider ist dies im laufenden Tagesgeschäft mit steigenden Anforderungen an die Flexibilität eines sich ständig veränderten Marktes und gerade bei mittelständischen Unternehmen (nach EU-Definition) eine große Herausforderung. Dies gilt insbesondere, wenn Personen fehlen, die sich um Quertschnittsaufgaben kümmern. In diesen Fällen sind meistens nur kleine Schritte möglich. Und die Betriebe sind darauf angewiesen, dass sich jemand um diese Themen kümmert, der etwas davon versteht. Da man aber gerade bei dem Thema Digialisierung beispielsweise in meinem o.g. Dachdeckereibetrieb die Mitarbeitern nicht nach etwaigen Qualifizierungen im Bereich neue Technologien aussucht, sind die Kompetenzen zumindest nicht offensichtlich vorhanden.

Daher bin ich der Meinung, dass ein strategisches Vorgehen zumindest schwierig ist und bei einem Thema wieder Digitalisierung, in dem man offensichtlich erst sukzessive die Möglichkeiten kennenlernen und ausschöpfen kann, nicht sinnvoll.

Wie könnte ein alternativer Umgang mit dem Thema aussehen?
Und dies bringt mich direkt zu einem der Punkte, bei denen ich anderer Meinung bin als die Herausgeber der Deloitte-Studie: Ich glaube aus den o.g. Gründen eben gerade nicht daran, dass ein strategisches Vorgehen von den Führungsebenen her der richtige Weg ist. Irgendjemand muss bei dem Thema Digitalisierung mit der neuen Technik arbeiten. Wie sich gezeigt hat, werden die Möglichkeiten der neuen Technologien nicht ausgeschöpft - wenn man überhaupt eine Vorstellung des Machbaren hat. Dass ein solches Thema von den Führungsebenen unterstützt und moderierend begleitet werden muss, steht außer Frage.

Allerdings kennen die Mitarbeiter am besten die Abläufe und ggf. Verbesserungsmöglichkeiten - und einige kennen sogar die entsprechenden Technologien, um dies zu erreichen. Warum also nicht die fragen und einbeziehen, die damit arbeiten müssen? Ich denke, dass grundsätzlich ein partizipatives Vorgehen in Betrieben insbesondere bei Innovationen zu den besten Ergebnissen führen. Insofern sollte sicher auch nicht eine Federführung der IT gegeben sein, sondern eine Begleitung. Ob enstprechende Kompetenzen in den von Deloitte befragten Betrieben vorhanden wäre und Ideen zu einer besseren Nutzung der Technologien  hätten, werden wir nicht erfahren. Denn leider hat keiner die Mitarbeiter gefragt. Schade.

Zusätzlicher Aspekt
Beide Studien hatten eher eine Optimierung der Arbeit durch verbesserte Abläufe als Gegenstand. Was meiner Ansicht nach außer Acht gelassen wird ist der Umstand, dass oftmals nicht nur die Abläufe geändert werden, sondern häufig auch die Unternehmenskultur sowie die Struktur des Betriebes betroffen sind. Ein gutes Beispiel dazu ist die Zusammenarbeit auf Plattformen. Sollen beispielsweise Präsentationen oder Texte von einem Team zusammengestellt werden, entsteht ein hoher Grad an Transparenz, wer welche Arbeitsleistung einbringt: Durch Kommentierungen und Diskussionen wird deutlich, wer woran gearbeitet hat. Da ist es möglich, dass zu manchen Themen nicht immer die Chefs diejenigen sind, die am besten Bescheid wissen.

Nach einem modernen Führungsverständnis muss der Chef das auch nicht. Wenn es aber noch eine klassische hierarchische Führungsstrukur gibt, kann der Einsatz von neuen Techniken hier zu einem Paradigmenwechsel führen, auf den manche Betriebe nicht vorbereitet sind. Dies kann nur eine entsprechende Unternehmenskultur auffangen, die einen solchen Wechsel entweder schon hinter sich hat oder bereit ist, die Verbesserung der Arbeitsergebnisse auf Kosten von Status und vermeintliche Überlegenheit aufzufangen. In jedem Fall ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen und sollte proaktiv mit einbezogen werden.


Weitere Aspekte
...gibt es noch einige Fragen, die für Unternehmen in diesem Zusammenhang sehr wichtig sind. Diese werden in dem Monitoring des BMWI z.T. auch angesprochen. Die Lösungen sind jedoch eher Langzeitprojekte und ich möchte auch nur zwei Beispiele nennen:
  • Datensicherheit (dass die NSA jetzt weniger späht, ist mir jedenfalls nicht bekannt - um nur ein Problem zu nennen)
  • "Internet für alle": Netzabdeckung und schnelles Internet: Wer hin und wieder die Bahnstrecke von Hannover nach Berlin bereist, kann sich endlich mal wieder Offline-Aktivitäten widmen: Es ist gar nicht oder nur sehr schlecht ein Netz zu finden und wer keine Geduld hat, sich alle zwei Minuten wieder neu einzuwählen und überhaupt eine geringe Frustrationsgrenze hat, sollte es einfach lassen. Auch mitten im Ruhrgebiet kann man einfach schon mal ohne Netz dastehen. Schön ist auch das Erlebnis, dass nun endlich Glasfaserkabel und "schnelles Internet" im eigenen Stadtteil zur Verfügung steht - dann aber "kein Platz" für einen ist - was auch immer das zu bedeuten hat. Wie so Unternehmen erfolgreich und effizient das Internet nutzen sollen, ist mir ein Rätsel.
Allerdings haben Unternehmen durchaus die Möglichkeit, auf diese für sie existenziellen Themen einzuwirken.  Dazu müssen sie sich aber mit dem Thema Digitalisierung erst einmal auseinandersetzen.

Und an dieser Stelle - so  mein Fazit an dieser Stelle - geht noch was!



Freitag, 2. Mai 2014

Über Plastik zwischen den Zähnen, Alu unterm Arm und Chlor ums Huhn

Eigentlich wollte ich nur kurz einmal auf facebook nachschauen, was es so Neues gibt. Gleich als erste Meldung springt mir ein Hinweis auf eine Seite vom BUND ins Auge, in dem es um Mikroplastik insbesondere in Kosmetika geht.

Zunächst bin ich nur leicht irritiert und vermute, ich bringe was durcheinander. Aber nein, die Meldung, die ich jüngst gelesen hatte, handelte von Aluminium in Deodorants. Ist was grundsätzlich anderes. Dabei kann Brustkrebs ausgelöst werden. Während Mikroplastik nicht filterbar ist, deswegen in die Gewässer gelangt, darüber in die Tiere und letztendlich bei uns auf dem Teller. Da das Plastik Schadstoffe bindet bringt das einige üble Folgen mit sich - jetzt mal unabhängig davon, dass das ganze Zeug auch noch in den Gewässern  bleibt (und die Folgen sind nicht absehbar) und ich mir das Zeug auch noch täglich ins Gesicht schmiere!

Der BUND hat netterweise schon mal eine Liste zusammengesellt, in der diejenigen Artikel stehen, die Mikroplastik enthalten. Fast wünschte ich, den Artikel gar nicht gelesen zu haben: Die Liste ist lang und geht über alle möglichen Kosmentikfirmen und Produkte. Das Zeug ist wirklich überall drin. In Zahnpasta (direkter kann man sich das Zeug kaum mehr antun), Duschgels, Foundation, Lipgloss, Augenmake-Up...furchtbar! Sofort hatte ich einen Kosmetikartikel identifiziert. Eine Foundation von mir stand nicht auf der Liste - aber leider auch keine Inhaltsstoffe auf der kleinen Glasflasche.  Also wie kriege ich raus, was "gut" ist und was mache ich mit dem "bösen" Zeug?

Nach der Aluminiummeldung hat es schon geschlagene 15 Minuten gedauert, bis ich im Supermarkt Deos ausmachen konnte, die KEIN Aluminium beinhalten. Wie soll es jetzt werden, wenn ich das gesamte Make Up so raussuche? Abgesehen davon, dass ich  nicht weiß, was da noch für Zeug drin ist, das ungesund, giftig oder einfach nur nicht nachhaltig ist? Das Ganze kombiniert mit dem Studium der Inhaltsstoffe und Brennwerte von Lebensmitteln, dem Gespräch mit der Fleischfachverkäuferin über Herkunft, Aufzucht und Futtergewohnheiten zu jedem Fleischprodukt an der Theke - da wird jeder Wocheneinkauf zum Marathonereignis.

Aber selbst, wenn ich das zukünftig so handhabe: Ich bin kein Chemiker und weiß einfach nicht, was wo drin sei darf und was nicht. Ich möchte sicher sein, dass ich in einem Supermarkt einkaufe und nicht meine Familie und  mich vergifte oder unnötig mit Antibiotika belaste - je nachdem. Am liebsten möchte ich  auch noch mit dem guten Gefühl einkaufen, dass ich niemandem damit schade. Das ist unrealistisch und das ist mir klar. Aber ich möchte auch nicht den Produzenten ausgeliefert sein und keine Ahnung haben, was ich da kaufe.  Je nach Grad der Aufregung werden bestimmte Informationen zur Verfügung gestellt: Z.B. ohne Tierversuche, ohne Konservierungsstoffe, parfümfrei usw. Aber das Problem ist, dass ich davon ausgehen muss, damit nur einen Bruchteil davon zu erfahren, was ein noch nicht mal übersensibler Konsument wissen will.

Wie kann sich das ändern? Solange die Produktionsfirmen kein eigenständiges Bewusstsein zur Nachhaltigkeit in ihrer Unternehmenskultur verankert haben, kann das wohl nur über "Schmerz" und Reglementierung erfolgen: Nur dann, wenn die Kunden ihre direkte und größte Macht nutzen, nicht nachhaltige Produkte zu produzieren, werden Unternehmen umdenken - weil die Zahlen nicht mehr stimmen. Ob die Konsumenten ihre Macht auch in einem relevanten und wirksamen Maß nutzen, ist fraglich. Außerdem müssen sie dazu überhaupt erst einmal in die Lage versetzt werden, sich eine Meinung bilden zu können - ich jedenfalls fühle mich nicht ausreichend informiert.

Dann aber wäre es die Aufgabe der Politik, entsprechend zu reglementieren. Am meisten würde hier eine Information der Konsumenten durch entsprechende Transparenz hinsichtlich der Produkte bringen, die bislang reines Wunschdenken ist. Inhaltsstoffe und Produktionsbedingungen werden noch allzu gern im Dunkeln gelassen. Und dabei ist es nicht hilfreich, Freihandelsabkommen hinter verschlossenen Türen zu verhandeln, die das o.g. Problem noch verstärken (das bekannte in Chlor eingelegte Hühnchen, auch ich möchte es nicht vorenhalten) und durch eine doppelte Intransparenz die Situation der Verbraucher noch weiter zu verschlimmern.

Solange der Wunsch nach dem "mündigen" Konsumenten und einer Politik FÜR den Bürger fromm bleiben, werden wir wohl zukünftig viel Zeit für die Einkäufe einplanen müssen...

Sonntag, 3. März 2013

Genug aufgeschrien

Ich gebe zu: die #aufschrei-Debatte habe ich nur aus den Augenwinkeln verfolgt. Das Thema ist so alt wie die Menschheit und wer schon ein paar Jahre im Leben - insbesondere im Berufsleben - hinter sich gebracht hat, hat da schon mal das eine oder andere mitbekommen. Also habe ich am Rande das Geschehen mitverfolgt. Aber wenn ich angefangen habe, genauer zu lesen, habe ich mich aufgeregt, obwohl ich immer versucht habe, dies zu vermeiden.

Nun ist es aber doch passiert. Vor zwei Tagen habe ich einen erneuten Gastbeitrag von Anne Wizorek bei Stern.de gelesen. Im Zug sitzend dachte ich noch, jetzt kommt bestimmt ein wenig mehr Grund in die Sache. Also habe ich den ersten Abschnitt gelesen, dann aber doch wieder mein Gerät zur Seite gelegt, um Aufregung zu vermeiden. Denn: das ist ja so schrecklich ungesund.


Duck mob
Foto: jf 1234, CC BY-SA 2.0

Dann dacht ich aber doch: Komm, sei nicht ungerecht, lies es erstmal zu Ende. Ich las also diesen Artikel und fühle mich zunächst durch den oberlehrerhaften Ton wirklich genervt. Es klang für mich: Mein Gott, seid ihr denn alle zu BLÖD, um es zu sehen?! Ich habe es euch jetzt so oft und über alle Medien erklärt (BTW: Sibylle Berg benutzt diese Attitüde in ihrem aktuellen Post über Frau Kampusch ebenfalls wieder).

Trotzdem blieb ich tapfer und las weiter. Ich verstand: Teilnehmer der Debatte seien pauschal in vier Gruppen einzuteilen; eine Gruppe sei toll, alle anderen seien zu blöd. Auch George Clooney dürfe nicht sexuell übergriffig werden. Und überhaupt seien zwar auch Männer von Übergriffen betroffen, aber weil's eben die Masse mache, seien es am Ende doch nur die Frauen, die das ertragen, durchleiden und aushalten müssten. An diesem Punkt freue ich mich für Frau Wizorek, weil sie ein so schönes, klares Bild der Welt und der Gesellschaft hat und alles so eindeutig in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist.

Gleichzeitig dachte ich mir: Da will jemand UNBEDINGT sich und - damit sie nicht so allein ist - 50% der Menschheit zu Opfern machen. Was bedeutet, dass die anderen 50 % per se potentielle Täter sind - huch, stimmt, das sagen Feministinnen ja gern mal. Bundespräsident Gauck hat sich gerade heute gegen diese pauschale Vorverurteilung ganzer Bevölkerungsteile in der Debatte ausgesprochen.

Jetzt folge ich aber mal der Argumentation und nehme an, der tägliche Sexismus (es gibt zwar winzige Unterschiede, die Andeutungen und tatsächliches Tun unterscheiden, aber wer will schon so genau sein) ist da, wird praktiziert und diese Massenerscheinung beeinträchtigt unser tägliches Leben. Und nun, möchte ich fragen. Und jetzt lerne ich das Entscheidende: DIE GESELLSCHAFT MUSS SICH ÄNDERN. Hätte ich ja auch gleich drauf kommen können.

Jetzt gebe ich es zu, falls es noch nicht im vorstehenden Textteil deutlich geworden ist: Ich bin genervt. Und zwar von diesen empörten, oberflächlichen und nicht zu Ende gedachten Texten, die weder ansatzweise über Ursachen noch wirklich über Lösungen nachdenkt, sondern nur anprangert, Äpfel mit Birnen vergleicht und alle Weisheit für sich pachtet.

Dabei war der Anfang ja gemacht. Frau Wizorek zieht das Beispiel Mobbing heran. Jeden Tag wird jemandem gesagt, er sei schlecht (übrigens keine Seltenheit in Deutschlands Arbeitswelt). Dann macht sie jedoch den Fehler, es als einhellig negativ geahndeten Umstand zu betrachten - und fragt auch hier nicht: warum?

Ich finde es sehr schlimm, wenn sich Menschen - in welcher Weise auch immer - von despektierlich über offen aggressiv, demoralisierend, diskriminierend, übergriffig bis hin zu tatsächlich und psychisch übergriffig und verletzend anderen Mitmenschen gegenüber verhalten. Sofern dieses Verhalten offensichtliche Auswirkungen hat, sind diese gesellschaftlich verpönt und in Form von Gesetzen und anderen Sanktionsmechanismen erfasst.

Alles andere ist Grauzone. Das ist beim Mobbing nicht anders als bei sexuellen Belästigungen. Eigentlich bin ich geneigt, die sexuellen Belästigungen auch als Unterform des Mobbings zu subsumieren. Denn worum geht es denn dabei? Ähnlich wie bei dem Beispiel von Frau Wizorek, in dem täglich einem Mitarbeiter gesagt wird, er sei schlecht, ist eine ständig wiederholte sexuelle Belästigung, die auf keine Gegenliebe stößt, einfach mehr.

Weder handelt es sich im Beispielsfall nur um die Mitteilung, man habe seine Arbeit nicht ordentlich gemacht. Noch handelt es sich bei den wiederkehrenden oder von immer derselben Person unternommenen sexuellen Belästigung darum, die Liebe des Lebens zu finden oder auch nur in jedem Fall einen One-Night -Stand zu realisieren. In beiden Fällen versucht der Ausführende, sich selbst zu bestätigen, indem er andere auf eine höchst persönliche Art und Weise angreift, aufgrund derer sich die "Zielperson" hilflos und schlecht fühlt.  Oft haben diese Personen eine vermindertes Selbstwertgefühl und sind eher narzisstische Persönlichkeiten - oder sie wollen so von ihrer Unfähigkeit ablenken. Und so gerne ich auch an den "besseren Menschen" an sich glauben möchte: Dass dies allein bei Frauen der Fall sein soll, habe ich nicht feststellen können. Auch Frauen bedienen sich genau dieser Spielchen. Eine besonders garstige Sorte hat  bereits einen eigenen Namen: Die Queen Bee.

Aber auch diese Erkenntnis allein hilft den Betroffenen nicht weiter. Die Erkenntnis, die Gesellschaft müsse sich ändern, klingt da eher nach einem frommen Wunsch. Ich wünsche mir auch das Ende des Hungers auf Erden und den Weltfrieden - realistisch betrachtet wird nichts davon absehbar eintreten. Deswegen darf man den Versuch nicht aufgeben. Aber reicht es, die Gesellschaft ändern zu wollen?

Ich meine nein. Es ist gut, negatives Verhalten zu benennen und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, damit dieses Verhalten auch von einer großen Menge Menschen entsprechend abgestraft wird.

Bis die Gesellschaft sich ändert, muss jeder selbst mit einer schwierigen Situation umgehen. Dafür finde ich es wichtig herauszufinden, warum eine Person tut, was sie tut, um sich Strategien zu überlegen.

Und dabei hilft eine generelle "Opfersicht" in der Regel nie. 

Denn dann hat die ausführende Person bereits gewonnen. Sie hat ihre Macht erfolgreich demonstriert. Es ist wichtig, sich über diese Dinge auszutauschen und ein Bewusstsein dafür zu bekommen sowie Umgangsmöglichkeiten zu überlegen. Manchmal bedeutet das im Extremfall, den Job/die Wohnung u.ä. wechseln zu müssen. Das ist extrem - aber letztendlich geht es um das eigene Wohlbefinden. Häufiger noch kann man mit der Hilfe von dem konkreten Umfeld schon viel erreichen: Übergriffe - ob klassisches Mobbing oder sexuelle Belästigung - durch möglichst ständige Anwesenheit von KollegInnen bereits im Keim zu ersticken - oder so beweisbar zu machen. Ständiges Ignorieren des Verhaltens und ein Fokussieren auf die Inhalte. Wenn in großer Runde dann joviale Sprüche kommen, bringt man die Diskussion höflich aber bestimmt wieder auf den Inhalt zu zurück. Das Verhalten dieser Menschen steht dann für sich und spricht eine deutliche Sprache. Sich per se als Opfer zu sehen, macht handlungsunfähig - und ändert weder die Situation noch die Gesellschaft.

Ich würde mir wünschen, man würde jetzt vom Allgemeinen zum Konkreten, von Plakativen zur Lösung kommen.

Und jetzt hoffen wir mal, dass Herr Clooney die Grenzen zum sexuellen Übergriff kennt - was immer uns das bringt....

Donnerstag, 26. Januar 2012

Wie eine Region sich selbst entwickelt

Letzte Woche war ich als Mitglied der Fachkommission zur Beurteilung der Projektanträge beim "Pakt Zukunft" in Heilbronn eingeladen.

Der "Pakt Zukunft" ist ein Kooperationsprojekt von Kommunen, Institutionen und Unternehmen in der Region Heilbronn-Franken. Es ist angesiedelt bei der IHK Heilbronn Franken und hat zum Ziel, gemeinsam durch gezielte Regionalentwicklung den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Als Themen stehen unter anderem im Fokus Familienfreundlichkeit, Demographie und Kinder.

Zu diesem Zwecke werden Förderinitiativen durchgeführt: Ende 2011 wurden von der gGmbH Fördermittel für Projekte zum Thema Familienfreundlichkeit ausgeschrieben. Es wird eine Auswahl von förderwürdigen Projekten getroffen, die mit der finanziellen Unterstützung die Projekte umsetzen können.

Dieses Mal durfte ich in der Fachkommission mit diskutieren, welche Projekte zur Förderung geeignet sind - die Ergebnisse werden den Gesellschaftern des Paktes dann zur Entscheidung vorgelegt.

Diese Herangehensweise hat mich vor allem sehr positiv angesprochen, weil:

  • Über die üblichen Bekenntnisse, bestimmte Themen unterstützen zu wollen, die über 130 Projektpartner auch wirklich haben Taten folgen lassen und sich im Pakt Zukunft engagieren
  • Die Projektvorschläge aus der Region selbst kommen und nicht "übergestülpt" werden
  • Man erfahrungsgemäß so sehr hinter den Projekten steht, dass sie häufig auch ohne Förderung oder mit geringer Förderung umgesetzt werden. 
Auch wenn viele Ideen nicht komplett neu oder herausragend innovativ waren: Entscheidend war für mich, dass man sich passend für die Region bemüht hat, jeweils den richtigen Ansatz zu finden und passend zu den Rahmenbedingungen Lösungen zu konzipieren. 

Ich bin sehr gespannt, welches der Projekte letztendlich im Juni ausgezeichnet wird!

Sonntag, 20. November 2011

Menschen als Bankensicherheit

In meiner täglichen Arbeit beschäftige ich mich mit Unternehmenskultur und dessen positiver Wirkung für die Unternehmen. Wir gehen von folgendem aus: Je besser die Arbeitsbedingungen, desto motivierter, effizienter, innovativer und leistungsstärker sind die Mitarbeiter. Sie wechseln weniger häufig den Arbeitgeber und sind auch weniger krank. Am besten erreicht man diese positiven Wirkungen, wenn die Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber dabei unterstützt werden, ihren privaten und beruflichen Anforderungen - soweit wie möglich- in Einklang bringen zu können.

Bestätigt wird dies durch die Erkenntnis, dass Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter deutlich wichtiger sind als monetäre Anreize. Dies sagt auch eine Studie von Mercer, die diese Frage gleich global gestellt haben.  Dabei zeigt sich, dass Mitarbeiter in aller Welt als wichtigste Gegenleistung für Ihre Arbeit Respekt fordern. Gleich danach kommt eine gute Work-Life-Balance. Erst auf Platz 5 kommen als erstes finanzielle Leistungen.

Prima, da fühle ich mich doch gleich in meinen täglichen Bemühungen bestätigt.

Dann allerdings lese ich eine weitere Studie von Mercer:"Messung und Management von Humankapital - Worauf es Managern ankommt". Diese Studie ist bereits von 2010 und anscheinend nicht im Netz verfügbar, ich konnte sie leider in voller Länge nicht finden. Aber auch hierzu gab es Pressemeldungen ("Nur was gemessen wird, kann nachhaltig gemanagt werden" und "Humankapital: RoI ist weitgehend unbekannt").

In diesem Fall hat man Manager (und Führungskräfte) gefragt, ob es wichtig ist, das Humankaptial zu messen.

Der Hintergrund der - zeitlich früher durchgeführten - Studie ist ja durchaus gut gemeint: Die "Ressource" Mensch verschlingt im Schnitt 1/3 des Umsatzes - an Vergütung sowie Entwicklung. Nun möchte man messen, dass der Arbeitgeber auch etwas davon hat: einen Return on Investment.  Das wiederum scheint den Managern nicht wirklich klar zu sein. DAS muss ihnen erst einmal jemand beweisen. Deswegen: lasst mal messen. Wie genau, darüber kann man sich nicht wirklich einig werden. Ob Saarbrücker Formel oder HPI (Humankapitalindex) - so richtig zufrieden ist keiner damit. Ich durfte mir neulich von einem Personaler mal so eine Rechnung zeigen lassen. Blöd nur, wenn dann der Faktor "Mensch" wieder dazu kommt und die noch so schöne Rechnung nicht mehr aufgeht. Aber trotzdem: Erstmal messen! Und dann managen!



Ich kann nicht umhin festzustellen, dass ich es (vorsichtig ausgedrückt) bizarr finde, die eigenen Mitarbeiter als Kaptial zur Sicherung von Krediten heranzuziehen (ok, macht noch keiner, aber es wird dran gedacht).  Vielleicht lohnt sich hier der Blick auf kleine Unternehmen: Wenn ein Malermeister nur einen Gesellen hat und der fällt aus, weiß er, dass es nicht gut für ihn ist. Wenn er diesem Ausfall durch gesundheitserhaltende Maßnahmen begegnen kann oder eine hohe Bindung schafft, so dass sein Geselle nirgendwo anders arbeiten will, dann haben sich die Investitionen gelohnt - weil er seinem Mitarbeiter zeigt, dass er ihm etwas wert ist. Und er arbeitet hoch motiviert weiter, alle Aufträge werden geschafft, und es kommen noch mehr Aufträge, weil die Arbeit so gut war. Hat sich also gelohnt! Da ist er, der Return on Investment!

Und warum? DIE Antwort haben wir doch schon weiter oben gelesen: Weil er bekommt, was er sich am meisten von seinem Arbeitgeber wünscht: RESPEKT!

Montag, 17. Oktober 2011

Über Quote, Rinder und Gesundheit

Ich klicke mich heute durch die Nachrichten und sehe einerseits den Streit um Quoten auf höchster Ebene sowie die Frage, ob Mütter ihre Rolle nicht überstrapazieren. Dabei kann ich nicht umhin mich zu fragen, ob dies in irgendeiner Weise die tatsächlichen Probleme zu lösen hilft. Die Gleichsetzung von Frauen mit "Rindern" wie in der ach so progressiven taz geschehen, lässt mich daran zu zweifeln, dass diese Debatte im Sinne der Kinder, Eltern und pflegenden Personen geführt wird. Etwas mehr Sachlichkeit, so meine ich, wäre hier angebracht.

Am 10./11.2011 fand in Berlin das Netzwerktreffen zu dem Qualifizierungsbereich "work-life-competence" der Bertelsmann Stiftung statt. Eingeladen waren alle Teilnehmer, die bisher an den Qualifizierungen teilgenommen haben und auch daran interessiert sind.

Kern der Qualifizierungen ist es, Unternehmen zu befähigen, die Schnittstelle von Beruf und Privatleben unter Beachtung der Lebensverlaufsperspektive der Mitarbeiter zu bearbeiten. Dies gelingt zum einen über direkte Ausbildung von Unternehmensvertretern, zum anderen aber auch über das wirtschaftsnahe Umfeld, das die Unternehmen dabei unterstützt.

Bisher war das zentrale Thema "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", womit allgemein die Berufstätigkeit von Eltern mit allen Herausforderungen gemeint ist. Inzwischen ist auch die Pflege von Angehörigen immer mehr in den Fokus gerückt - die Herausforderungen in diesem Bereich machen dies auch notwendig.

Daneben etabliert sich aber immer mehr die Frage, ob die Arbeitnehmer auch gesundheitlich in der Lage sind, die Anforderungen bewältigen zu können. Schon lange wird von verschiedenen Seiten (vor allem Krankenkassen und Berufsgenossenschaften sind hier sehr aktiv) das betriebliche Gesundheitsmanagement bearbeitet. Allerdings mit unterschiedlicher "Tiefenwirkung": Der Zuschnitt des rückenfreundlichen Arbeitsplatzes oder die Unterstützung von Sportprogrammen sind häufig auf der Agenda - zumindest von größeren - Unternehmen zu finden. Nicht wirklich neu - aber neu in den Blick geraten - ist nun auch der Themenbereich der Resilienz. Statt sich wie bisher auf das Krankheitsbild (psychische Krankheitsbilder all ihren Symptomen bis hin zum Burn Out) zu fokussieren, geht es bei der Resilienz darum, die Fähigkeit der Mitarbeiter, sich zu erholen und gesund zu bleiben (oder werden) zu stärken. Also zum Beispiel: Wie bewähre ich mich im Beruf, habe drei Kinder, engagiere mich in der Elternvertretung und pflege Vati, ohne darüber meine Gesundheit einzubüßen. Klingt kaum machbar - und ist es für Viele auch nicht. Daher höchste Zeit, dies in den Blick zu nehmen.

 Sylvia Kéré Wellensiek,  Coach und Therapeutin und Autorin einen Vortrag zur Resilienz. Im Anschluss konnten die Teilnehmer in Workshops die gewonnenen Erkenntnisse besprechen - mit dem Ziel, dass die Bertelsmann Stiftung zukünftig auch dieses Thema bei work-life-competence mitarbeitet.

Deutlich wurde, dass man sich bisher unzureichend mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Als großes Problem wurde wahrgenommen, dass in den seltensten Fällen ein Klima in Unternehmen vorhanden ist, in dem man offen mit einer Stresserkrankung zum Arbeitgeber gehen und um Unterstützung bitten kann - auch wenn gern anderes postuliert wird.

Hier wird also noch viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten sein.

Samstag, 24. September 2011

Pflegeproblematik geht über Einzelzimmer-Debatte hinaus

Ein Schwerpunktthema der heutigen "Neuen Westfälischen" beschäftigt sich mit dem Thema Pflegeeinrichtungen: "Hunderte Pflegeheime kämpfen um ihres Existenz" titelt das Blatt. Es geht um den hohen Investitionsbedarf von Pflegeheimen. Diese müssen aufgrund einer in NRW neu erlassenen Durchführungsverordnung ab 2018 einen Einzelzimmeranteil von mindestens 80 % zur Verfügung stellen. Viele Einrichtungen kämen mit dem Investitionsbedarf an ihre Grenzen, die Studie prognostiziere das Aus für jede siebte Einrichtung. Außerdem mangele es an Fachpersonal, der Beruf müsse attraktiver dargestellt werden, die Arbeitsbedingungen seien verbesserungswürdig und mehr Gehalt für diese Tätigkeit sei angemessen.

Auf Seite 2 der Zeitung findet sich denn auch gleich ein Kommentar dazu: Diese rein betriebswirtschaftliche Sicht sei nicht passend. Sie resultiere aus einer "interessengesteuerten Grundhaltung". Auch wenn die Situation richtig dargestellt sei, gehe dies am Bedarf vorbei. Immer mehr Menschen wollten so lange wie möglich zu Hause wohnen. Dies erfordere einen massiven Ausbau ambulanter Pflege und nicht einen Ausbau der Pflegeheime - eine "Investition in Beton".

Ich lese diese Artikel und denke: An der in dem Leitartikel dargestellten Situation besteht kein Zweifel. Auch die Sichtweise des Kommentares ist nicht von der Hand zu weisen. ABER: Beides deckt doch nicht die Situation in Gänze ab.

Insbesondere mit dem allgemeinen Verständnis von Pflege und den tatsächlichen Anteilen in den verschiedenen Altersgruppen (im Jahr 2007) setzt sich der "Sechster Bericht zur Lage der Älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland - Altersbilder in der Gesellschaft" von 2011 des BMFSFJ auseinander. Es zeigt sich: Der Begriff ist nicht eindeutig zugeordnet, er wird erst einmal neu definiert. Damit einher gehen natürlich auch die entsprechenden Erkenntnisse: Pflege ist nicht gleich Pflege. Für den einen ist es schon das regelmäßige Helfen bei Besorgungen und Arztbesuchen, der andere meint intensive und bereits medizinische Kenntnisse erforderliche Betreuung.

Des Weiteren zeigt sich, dass dieses Spektrum mit "einem Pool an Maßnahmen" begegnet werden kann - und muss. Also geht es nicht nur um ambulante und stationäre Pflege, sondern auch um soziale Netzwerke und sonstige Hilfsmöglichkeiten zur Unterstützung.

Wichtig finde ich hier zum einen auch die Sichtweise der Empfänger der Pflege- oder Unterstützungsleistung. Oftmals fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man diese Hilfe braucht. Und nicht nur, weil man sich gern überschätzt, sondern weil das annehmen von Hilfe nicht für jeden leicht ist - erst Recht nicht, wenn dabei der Eingriff in die Intimsphäre unausweichlich ist. Dies braucht Verständnis und einen geschulten Umgang- also wirklich fachliche Unterstützung.

Diese Sichtweise ist auch zu berücksichtigen - vor allem deren Anforderungen an die entsprechende Ausbildung, Arbeitsbedingungen und Bezahlungen.

Und dies sind nur die offensichtlich Betroffenen. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Auswirkungen auf das Umfeld der zu pflegenden Personen, von denen ich die betreuenden Angehörigen sowie beispielsweise deren Arbeitgeber (starke private Belastung versus volle Arbeitsleistung?) zu nennen.

Meines Erachtens zeigt dies, dass man sich hier nicht nur mit Einzelaspekten befassen darf. Das Thema Pflege muss als Gesamtkonzept gedacht und bearbeitet werden - schlecht wäre es, hier eine Lösung auf Kosten einer anderen auszuspielen als "einzig richtig" hervorzuheben.

Dienstag, 9. August 2011

Endlich ruhiger Urlaub?

Gerade surfe ich ein wenig durch die Nachrichtenseiten und stoße dabei auf n-tv auf den Artikel über Kinder-Kreisch-freie-Hotels. Und ich möchte sagen: Das ist endlich mal ein toller Artikel. Danke an die Verfasser und an die Reiseindustrie, die für diese wunderbaren Zustände gesorgt hat!

Selten wird mit so wenigen Worten derart komprimiert der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten und deutlich gemacht, warum in den vergangenen Jahrtausenden ganze Kulturen untergehen konnten.
Der Artikel ist so toll, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Ok, das Nächstliegendste: Urlaube mit Kinderverboten. Darüber kann ich mich schon gar nicht mehr so aufregen. Von den Straßen verschwindet der Lärm durch Kinder – dem Demographischen Wandel sei Dank –ja schon. Da bereits Klagen gegen den Bau benachbarter Kindergärten Usus sind, da ist doch klar, dass der Deutsche erst Recht im wohlverdienten Urlaub keinen Krach und Ärger mehr haben will. Ohne Kinder ist Entspannung pur auch garantiert. Na ja, es sei denn, man hat sein Zimmer über der Disco, oder nebenan ein frisch verliebtes Paar, oder das nette Rentnerpaar am Nachbartisch hat die Hörgeräte im Zimmer vergessen oder ein paar Freundinnen/Kumpels sind zusammen im Urlaub – noch besser: Kegelklubs – ach nein! Hatte ich vergessen. Die kinderfreien Hotels sind ja eher exklusiv, so Karibik, schönes Ambiente. Also eh zu teuer für Familien und garantiert auch für solche Kegelklubs. Dort hat man dann wohl eher die nervigen Telefonate von wichtigen Geschäftsleuten, die ja sowieso nie richtig Urlaub machen können, weil ohne sie alles zusammenbricht.

Überhaupt ist es auch ganz wichtig, dass man sich seinen Urlaub nicht durch dieses Unterklassenniveau verdirbt. Niemals kann ein Rausch aus Champagner und erlesenem Vino so ordinär sein wie mit Bier und Sangria. Das möchte man dann auch einfach nicht sehen – oder hören. Wenn man dann auf Mauritius am Strand dem Sonnenuntergang entgegen schlendert, dann sind es ja nicht nur Kinder, die einem womöglich einen Ball in diese romantische Stimmung schießen. Kichernde Friseurinnen oder grölende Automechaniker – und das wäre die Potenzierung der Un-Entspanntheit – womöglich noch mit ihren Blagen, nein danke!

Und wenn ich so darüber nachdenke, so ein Rolator kann im Sand auch wirklich üble Knirschgeräusche machen. Und wenn dann so ein altes Mütterchen noch um Hilfe ruft, weil es stecken geblieben ist – das klingt nicht schön. Davon möchte man nicht gestört werden im Urlaub. Wenn die alle ihre Medikamente am Frühstückstisch ausbreiten und sich über Krankheiten unterhalten, das will man nicht. Die sehen dann ja auch wirklich alt aus, kein wirklich schöner Anblick – das erinnert einen dann auch an die eigene Vergänglichkeit – wer soll sich denn da erholen? Also, wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir auch rentnerfreie Hotels buchen können.

Und da sind wir dann auch schon, bei der Kernfrage: Herrgott, wie ERHOLT man sich denn eigentlich heutzutage? Wenn man diesem Artikel Glauben schenken darf, dann sehe ich dieses Szenario: es ist ruhig, sozusagen totenstill. Ok, ein paar Vögel dürfen ihr übliches Gezwitscher von sich geben, ein paar Jazzklänge am Klavier beim Diner – sonst höchstens geflüstertes Gemurmel. Sonnenuntergänge, Tische für 2 Personen am Strand gedeckt. Jeder Wunsch wird von einem unsichtbaren Bediensteten sofort erfüllt, kaum, dass man es ausspricht. Romantische Stimmung überall, nur nette, gepflegte Leute um ein herum, von denen man nur etwas sieht, wenn mal das Ego eine Streicheleinheit braucht und man sie als Publikum für die Selbstdarstellung braucht. Beste (deutsche) Speisen und Getränke. Viel Schlaf, Ruhe und Frieden. Oh, ruhiger, paradiesischer Urlaubsort….

Lasst mich überlegen, wo gibt es diesen Ort….Moment – den gibt es gar nicht! Überraschung, das hat nämlich mit der realen Welt nichts zu tun! In der richtigen Welt gibt es Leute, die uns nicht gefallen. Da gibt es auch mal Kinder, Krach, alte Leute, Proleten, ja, sogar Unglück, Armut und Tod. Wer sich nur dann entspannen und erholen kann, wenn er dies alles komplett ausblendet und nicht davon berührt wird, muss echt abgestumpft sein. Ich werde es mein Lebtag nicht verstehen, wie man in dem geschützten Resort an seinem Cocktail schlürfen kann, wenn man auf dem Weg vom Flugplatz durch Blechhütten gefahren ist und alles nach Armut schreit. Wie paradiesisch ist das für diese Leute? Und da hilft mir dieses blöde Argument kein bisschen, dass die armen Menschen NOCH ärmer wären, wenn es dieses Resort nicht gäbe. Denn wenn wir schon von rentnerfreien Hotels sprechen, dann finde ich, könnte man auch die armen Menschen von den Inseln schaffen, das belästigt die total gestressten Urlauber ja auch nur. Und so eine einheimische Kultur ist ja auch manchmal eher störend.

Das ist es also, was wir anscheinend wollen: kinderfrei, rentnerfrei, armenfrei, problemfrei……schmerzfrei!

Sonntag, 13. Februar 2011

Was Frauen wollen....

Heute habe ich zufällig ein Exemplar der "Welt am Sonntag" in der Hand. Das Titelthema: "Wir wollen alles". Es geht um eine Gesprächsrunde mit sechs Frauen, die uns allen erzählen, was Frauen wirklich wollen.

Zunächst überblättere ich den Artikel und schaue mir an, wer die Frauen denn eigentlich sind. Es handelt sich rundweg nur um Akademikerinnen - von einer mit fünf Kindern und nicht in Job bis hin zu den "tollen Karrierefrauen", die Kinder haben und alles super organisiert bekommen bis hin zu den reinen Karrierefrauen. Hmm.... Ich lese lieber erst, bevor ich Einseitigkeit annehme. Aber es wird nicht wirklich besser: Über drei große Seiten hinweg lese ich, wie schwer es Frauen im allgemeinen haben und diese im Besonderen. Entweder weil man Kinder hat und einem - vor allem von Männern - das Leben schwer gemacht wird oder weil man eben keine Kinder hat - daran hat neben den Männern aber auch das System insgesamt Schuld. Irgendwie sind alle Opfer. Der Umstände, der fehlenden Rahmenbedingungen, der Gesellschaft. Aber irgendwie sind sie auch alle unheimlich tough, weil sie es ja geschafft haben.

Und immer wieder geht es um die Frage, ob sie ihre Träume verwirklichen konnten. Die meisten sagen, sie seien zufrieden, man beschwere sich nicht, man habe es nicht anders gewollt. ABER, trotzdem machen Männerklüngel, Männer ohne Verantwortung gegenüber Haushalt und Kindern, nicht vorhandene Männer - und ja, die Gesellschaft es ihnen wieder unsagbar schwer.

Ich habe gerade den Vormittag in einer Sporthalle beim Fußballturnier meines Sohnes verbracht. Rückblickend frage ich mich, ob die Frauen dort eine ähnliche Diskussion führen würden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht tun würden. Erst einmal finden sich dort kaum Akademikerinnen. Sie machen auch nur ca. 20 % der Gesamtbevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus. Dort sind ungelernte bis qualifizierte Personen zu finden. In den Gesprächen , in denen es um die Berufstätigkeit ging, war auch kaum die Frage des "erfüllt seins" und des "Träumelebens" akut. Häufig ging es um die Frage, wie man das Haushaltseinkommen so halten kann, dass der Alltag finanziell bestritten werden kann Auch wird immer mehr Frauen deutlich, dass sie kaum eine Wahl haben: Dass die Rente alles andere als sicher ist, glaubt kaum noch einer.  Geändertes Unterhaltsrecht und die Erwartung immer weiter sinkender Renten bringen deutlich existenziellere Themen auf den Tisch: Es geht nicht mehr um Selbstverwirklichung, sondern schlicht um die alltägliche Lebensgrundlage. Kaum höre ich dagegen etwas davon, wie schwer das Leben doch für sie alle ist. Welche Steine man ihnen permanent in den Weg legt.

Ich glaube nicht, dass dieser Artikel das wiedergibt, was Frauen wirklich wollen. Ich glaube, es handelt sich um eine Luxusdiskussion, in der sich unsere geistige Elite ergeht, uns sich auch gern leid tut.

Besonders schön fand ich dann das Ende, in dem es wirklich darum ging ,was diese Frauen wollen. Frau Nr. 1: "Ich mag eben nicht diese weichgespülten Männer, eher die kernigen, bösen, ungezogenen." Frau Nr. 2:"Klar, die einen richtig schön unglücklich machen.".

Ja, was denn nun?

Dienstag, 23. November 2010

Zukunftsorientierte Wirtschaft in Oberfranken

Letzten Donnerstag war ich bei einer Veranstaltung der IHK Bayreuth in Oberfranken eingeladen. Es ging um das Thema "Familienfreundliche Unternehmen", dem sich die IHK zu Gast in der Sparkasse in Kulmbach annehmen möchte.

Auf der Agenda standen nach der Begrüßung die Vorstellung eines Praxisbeispieles und sodann die Vorstellung des Projektes "Familienfreundlichste Wirtschaftsregion", an dem sich Oberfranken inzwischen sehr stark engagiert. Dies durfte ich um einige Gesichtspunkte unserer Arbeit in der Bertelsmann Stiftung erweitern. Zum Abschluss gab es noch eine kleine Diskussionsrunde zum Thema.

Es handelte sich also um eine Veranstaltung, die in dieser Form gern genutzt wird, um zu sensibilisieren und sowohl Politik als auch Unternehmen auf die positiven Effekte und Möglichkeiten einer arbeitnehmerorientierten Personalpoltik hinzuweisen.

Trotzdem hat sich diese Veranstaltung von den üblichen Formaten deutlich abgehoben: Zunächst war es ungewöhnlich, eine relativ hohe Zahl der politischen Entscheidungsträger vor Ort zu haben. Neben Landrat Klaus-Peter Söllner war auch ein Vertreter der Bezirksregierung anwesend. Darüber hinaus fanden sich viele der Stadträte von Kulmbach ein. Im übrigen handelte es sich um interessierte Unternehmen. Dies zeigte ein besonders hohes Interesse vor Ort. Wer sich in der Region umschaut, weiß auch, dass man dort bereits seit einiger Zeit das Thema Familienfreundlichkeit sehr ernst nimmt. Die Einführung des IHK-Vizepräsidenten Michael Möschl, die demographischen Herausforderungen, denen man sich in Oberfranken gegenüber sehe, gepaart mit der wirtschaftlichen Situation mache es notwendig, diese Schritte zu gehen, zeigte den Stellenwert des Themas auf. Lange geht es in Oberfranken nicht mehr um ein "Marketingthema", sondern um wirkliche Lösungen.

Sowohl erfreulich wie aber auch konsequent war vor diesem Hintergrund die Bereitschaft, die Synergien mit dem Pilotprojekt in der Metropolregion Nürnberg zu nutzen. Dr. Harald Bolsinger, der Projektleiter des Modellprojektes in der Metropolregion und strategischer Vordenker erläuterte die Zielsetzung des Projektes. Insbesondere äußerte er den Wunsch, dass sich Oberfranken insgesamt weiter so intensiv in das Projekt einbringt. "Oberfranken offensiv", an diesem Abend von dem Geschäftsführer Dr. Peter Schenk vertreten, setzt beispielsweise derzeit ein Familienportal für Oberfranken um. Dies wird im positiven Sinne Maßstäbe setzen - und bietet die Möglichkeit auch für alle anderen Teilregionen der großen europäischen Metropolregion, davon zu lernen und ggf. daran Anteil zu haben. Denn darum geht es dabei: Flächenwirkung und Nutzung von Synergien, um die Wettbewerbsfähigkeit der Metropolregion insgesamt zu stärken.

Wir freuen uns, dass Oberfranken dabei ist!

Samstag, 13. November 2010

Urkundenübergabe Beraterqualifizierung - Nur ein feierlicher Akt?

Am 10.11.2010 fand in Berlin die feierliche Überreichung der Urkunden für die work-life-competence- Beraterqualifizierung statt. In einer Kooperation von Bertelsmann Stiftung mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde nun nach Möglichkeiten gesucht, die Unternehmen bei der Einführung und Umsetzung einer familienfreundlichen Personalpolitik konkret zu unterstützen. Daraus haben sich die work-life-competence-Qualifzierungen entwickelt, die einerseits Unternehmen direkt, aber auch Kammern, Verbände und Kommunen ansprechen sollten.

In einer Pilotqualifizierung hatten vom September 2009 bis Januar 2010 17 Teilnehmer aus 18 Institutionen gemeinsam das Thema "work-life-competence" - oder auch arbeitnehmerorientierte Personalpolitik - erarbeitet. Die Teilnehmer waren Vertreter aus Kammern, Verbänden, Kommunen, Wirtschaftsförderungen, Gewerkschaften und auch Lokalen Bündnissen. Alle haben im Rahmen ihrer Tätigkeiten für ihre Institution das Thema Familienfreundlichkeit auf der Agenda. Ziel der Qualifizierung sollte es sein, eine strategische Herangehensweise zu erarbeiten und natürlich in Folge davon auch umzusetzen.

Die Qualifizierung ist nun bereits seit einigen Monaten abgeschlossen und nun stand - nachdem die Teilnehmer bereits ihre persönlichen Teilnehmerzertifikate erhalten hatten - die feierliche und öffentliche Honorierung der teilnehmenden Institutionen statt. Geladen hatten die Bundesministerin Frau Dr. Schröder sowie Frau Liz Mohn, die wegen dringender anderer Verpflichtungen von Frau Dr. Brigitte Mohn mehr als würdig vertreten wurde.

Ist es das jetzt gewesen? Wieder haben einige Personen gemeinsam zusammen an einem Thema gearbeitet. Es war eine nette Zeit und alle haben ja auch gern betont, wie viel Spaß es gemacht hat und dass man auch etwas mitgenommen hat. Wie immer stellt sich auch hier die Frage, ob dieser Pilot geeignet ist, es in die Nachhaltigkeit zu schaffen.

Ich habe die Veranstaltung in ein einem besonderen Licht erlebt. Normalerweise stellt sich nach einem solchen Abschluss das Gefühl ein, es nun "geschafft" zu haben, ein Abschnitt geht zu Ende. Dieses Mal war es nicht so. Im Gegenteil: Die Stimmung hatte eindeutig etwas von Aufbruch.

Während der Qualifizierung ging es uns darum, den Teilnehmern einerseits unser Know-How zu vermitteln, andererseits sollte dies aber auch eine Art und Weise geschehen, die es möglich macht, auch direkt einen konkreten Nutzen zu ziehen. Es sollten alle in der Lage sein, für ihre Arbeit Hinweise zu bekommen, um die Arbeit am Thema Familienfreundlichkeit so effizient und erfolgreich wie möglich gestalten zu können.

Im Fokus waren daher die Rahmenbedingungen, die jeder einzelne für seine Arbeit hat. Dazu gehört zunächst das Ziel der vertretenen Institution sowie die konkrete Aufgabenstellung, unter der das Thema bearbeitet wird. So zeigte sich schnell, dass im Grunde nach 3 Gruppen unterschieden werden konnte:
  1. Diejenigen, die ihre Zielgruppe (i.d.R. Unternehmen) auf das Thema aufmerksam machen wollen und die Notwendigkeit der Bearbeitung aufzeigt sowie Hinweise auf Beispiele geben. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Teilnehmer aus großen Organisationen, die viele "Querschnittsaufgaben" zu bewältigen haben, zu der auch die Familienfreundlichkeit gehört. In diesen Fällen fehlen oft zeitliche Ressourcen und die Zielgruppe ist einfach zu groß, um konkreter beraten zu können. Hier ist der Multiplikationseffekt das Entscheidende.
  2. Die zweite Gruppe ist ebenfalls mit der Sensibilisierung befasst, kann aber Ratsuchenden einen Überblick über die Möglichkeiten geben und auch konkret Projekte anstoßen. Entscheidend ist in dieser Gruppe, dass die Unternehmen bereits in die konkrete Umsetzung begleitet werden können.
  3. Und diejenigen Teilnehmer, die direkt in die Unternehmen gehen und konkret notwendige Maßnahmen aufgrund einer Analyse identifizieren und bei der Umsetzung unterstützen und begleiten.
Diese Gruppierung ist allgemein zu verstehen. Natürlich gibt es hier Schnittmengen der Tätigkeiten, die je nach vorhandenen zeitlichen und finanziellen Ressourcen ausfallen. Deutlich wurde jedoch, dass nicht die Teilnehmerin der einen Handwerksammer nicht unbedingt den gleichen Ansatz hat wie der Kollege aus der anderen Handwerkskammer. Umso spannender waren die Diskussionen, in denen deutlich wurde, welches Vorgehen am ehesten einen Erfolg verspricht.

Daraus haben sich haben sich dann auch letztendlich sehr interessante Konzepte entwickelt, die mit der Zeit immer weiter ausreifen und inzwischen auch sehr erfreuliche Erfolge bringen.

So war es also nicht nur allein die Freude, "alte Seminarkollegen" zu treffen, sondern es gab einen regen Austausch über die bisher erreichten Aktivitäten.

Nachdem dann auch die Urkunden alle verteilt waren und man gemütlich beim Buffett miteinander anstieß, wurde sofort ein neues Follow-Up vereinbart. Konkret wurde schon Ort und Zeit festgelegt.

Dies zeigt für mich ganz deutlich: Diese Qualifizierung hat nicht nur ihr Ziel erreicht, sondern bietet auch für die Zukunft - und vielleicht auch andere Themen - noch viel Potential.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Kurzfilm zum Worklife 2.0 Camp online!

Liebe Leserinnen und Leser,
anbei könnt ihr euch mit einem kurzem Film zum WorkLife 2.0 Camp in Erlangen einen Eindruck zur Veranstaltung verschaffen.

Samstag, 18. September 2010

worklife 2.0 Camp zu Ende!

An diesem Wochenende hat das worklife 2.0 Camp (#wlc20) in Erlangen stattgefunden. Gemeinsam mit der IHK Erlangen habe ich mein erstes BarCamp ausgerichtet. Unterstützt hat uns dabei – als „alter Hase“ – Moritz Avenarius von Making Sense.

Es brauchte nicht viel Mut, sich zu diesem noch relativ neuen Format zu entschließen. Sowohl Renate Doeblin von der IHK Erlangen als auch ich kennen das Problem der herkömmlichen Veranstaltungsformate: Meistens sind es sowohl Referenten wie auch Teilnehmer, die man bereits gut kennt. Austausch findet bei Kaffee und Kuchen nur sehr eingeschränkt statt, neue Impulse sind eher selten. Am schlimmsten: man erreicht kaum seine wirkliche Zielgruppe. Hier schien uns das BarCamp-Format zumindest eine Alternative zu bieten. Also haben wir uns auf den Weg gemacht, unser eigenes Camp „aufzuschlagen“ und planten den „kontrollierten Kontrollverlust“.

Jetzt, auf der Rückfahrt von Erlangen nach Gütersloh, kann ich erleichtert feststellen: Meine Erwartungen sind übertroffen worden. Im Vorfeld habe ich von den Verfechtern des BarCamps – natürlich – nur das Beste gehört: Offene Diskussionen, korrigierende Gruppen, starke inhaltliche Fokussierung, dadurch neue Impulse. Dasselbe habe ich dann auch immer erklärt, wenn ich das Format vorgestellt habe, um Sponsoren einerseits und Teilnehmer andererseits gewinnen zu können. Ich kann aber nicht umhin zuzugeben, dass ich trotzdem für dieses Format geradezu anachronistische Ängste wie “Stimmt die Teilnehmerzahl“ oder „haben wir auch hinreichend kompetente Referenten“ hatte. Diese Fragen haben sich als unwichtig erwiesen . Entscheidend war, dass wir an diesen zwei halben Tagen ganze 18 Sessionangebote hatte, die wir zum Teil sogar kombinieren mussten, um noch alles mitnehmen zu können. Hier kurz meine Erkenntnisse:

1. Die Zusammenstellung der Teilnehmer war heterogener als ich es mir je hätte vorstellen können.
2. Die meisten Teilnehmer waren – wie ich – BarCamp Neulinge. Sie haben sich alles erklären lassen und sich dann gänzlich von dem Konzept mitreißen lassen.
3. Bisher habe ich mich in dem Thema Familienfreundlichkeit immer zu Hause gefühlt und habe sogar gedacht, dass wohl viel Neues nicht zu erwarten sei. Da habe ich mich gründlich geirrt: Ich kann behaupten, aus wirklich jeder Session für m ich neue Aspekte mitgenommen zu haben.
4. Es war erstaunlich, wie Sessiongeber zu Beginn zu einem Thema ihre Meinung vertreten haben, zum Ende aber durchaus andere Argumente dankbar mit aufgenommen haben.
5. Beeindruckend war, wie viele Teilnehmer spontan auch noch Sessions angeboten haben, obwohl sie anfangs sehr zurückhaltend waren. Insgesamt hatte sich am 2. Tag auch alles so weit eingespielt, dass alle sehr entspannt waren und sich offensichtlich miteinander sehr wohl fühlten.

Sehr schön war auch das Abendprogramm. Das Format bietet einem wirklich ausreichend Gelegenheit, sich miteinander auszutauschen. Aber zusätzlich am Abend noch einen privateren Rahmen zu haben, schadet nicht. So hatten wir auch bei der „PPP-Karaoke“ sehr viel Spaß. Erstaunlich, was man da aus Präsentationen herauslesen kann! Allerdings stellte heute noch Renate Doeblin fest, dass sie nie wieder in der Lage sein werde, eine Präsentation unvoreingenommen ansehen zu können….

Ich bin sehr auf die Resonanz im Nachgang gespannt. Jetzt wartet die Auswertung und das Zusammentragen der Sessionergebnisse auf uns!

Am Ende meiner Betrachtung möchte ich die Schlussbemerkung eines Teilnehmers zitieren: „Es wäre doch wunderbar, wenn sich dieses Camp in Erlangen etablieren könnte“, und sage dazu: Jederzeit wieder!

Mittwoch, 25. August 2010

Expertendiskussion mit Work-Life2.0Camp

In drei Wochen ist es endlich soweit: Das erste BarCamp zu dem Thema "Familienfreundliche Wirtschafsregion".

In den letzten Jahren meiner Arbeit in diesem Themenbereich wurde immer öfter deutlich, dass es eine gewisse Gleichförmigkeit der Veranstaltungsformate und Diskussionsthemen gibt, die es den Akteuren schwer macht, die Notwendigkeit von Veränderungen und deren Umsetzungsmöglichkeiten in die Fläche zu bringen. Auch ich freue mich immer über bekannte Gesichter bei den Veranstaltungen. Nur: Kann so die Aufmerksamkeit auf das Thema in der Zielgruppe der Unternehmen und der Akteure in dem wirtschaftlichen Umfeld gesteigert werden? Dies ist zumindest fraglich.

Deshalb freue ich mich besonders, dass wir nun erstmalig in Deutschland (in diesem Politikfeld und auf dieser politischen Ebene) dieses innovative und offene Veranstaltungsformat des BarCamps nutzen, um das wichtige Thema der Familienorientierung bezogen auf eine ganze Wirtschafsregion zu diskutieren. Ausgehend von der Annahme, dass eben jeder aus seinem Blickwinkel Experte in dieser Frage ist, bietet das Work-Life2.0Camp das richtige Umfeld, alle Aspekte einer familienorienterten Wirtschaftsregion - auch kritisch - zu diskutieren. Was sind die Hintergründe? Welche positiven Effekte sind realistisch zu erwarten? Was braucht es dafür? Kann Politik die Voraussetzungen schaffen oder ist hier die Akteursebene viel entscheidender? Dies sowie konkrete Themen der Maßnahmenebene (z.B. im Bereich Pflege und Betreuung von Kindern) können so einerseits multipliziert werden und andererseits aber auch infrage gestellt werden. Welche Maßnahmen sind besonders effizient, welche fordern einfach einen zu hohen Aufwand, frustrieren die Ausführenden und haben vergleichsweise geringen nutzen? Hier ist ein Erfahrungsaustausch sicher sinnvoll. Denn Erfahrungen gibt es ja bereits viele.

Für mich wäre noch ein bisher wenig insbesondere mit der entsprechenden Gruppe diskutierte Frage, welche Erwartungen die Fachkräfte von morgen an die Arbeitswelt haben. Ist den Personalern von heute bekannt, welche Wertigkeit und welche Prioritäten inzwischen für die jungen Leute wichtig sind. Die Welt und die Gesellschaft verändert sich in einem rasanten Tempo. Ist man in der Arbeitswelt darauf eingestellt?